Das Ausmaß des Nachwuchsproblems der Logistikbranche ist bundesweit massiv. Jeder vierte Berufskraftfahrer ist über 55 Jahre alt und scheidet in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben aus. Das ergab eine Studie des Heilbronner Verkehrswissenschaftlers Dirk Lohre.
Vorsitzende des Bundesverbandes der Transportunternehmer (BTV) Dagmar Wäscher betont: „Dieses Problem gefährdet die Wirtschaft“. Speditionen müssten daher auf ausländisches Personal mit schlechterer Ausbildung zurückgreifen. Karlheinz Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) bestätigt, dass 40 Prozent sämtlicher auf NRW-Straßen fahrende Lkw-Fahrer Ausländer seien. Viele stammen aus Bulgarien. Neuerdings sogar von den Philippinen. Geschlossen werden könne die Lücke mit ihnen nicht. Schmidt weiter: „Die gebietsfremden Fahrer sprechen kein Deutsch, haben Probleme damit, sich zurechtzufinden, verfahren sich, kommen zu spät an“.
Die Industrie- und Handelskammer NRW ist sich der Problematik bewusst. IHK-Verkehrsexperte Joachim Brendel schildert die möglichen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft: „Wenn das Problem nicht gelöst wird, müssen Unternehmen zunehmend Aufträge ablehnen, weil sie keine Fahrer haben, die die Ware ausliefern“. In den kommenden zehn Jahren werden bis zu 50 Prozent der Fahrer aufgrund ihres Alters aus dem Berufsleben ausscheiden. Jünger als 35 Jahre sind heute bereits weniger als 15 Prozent der Berufskraftfahrer. Die Fahrerengpässe werden laut IHK weiter zunehmen. „Der Schuh wird weiter drücken, besonders dann, wenn wir die Folgen des demografischen Wandels zu spüren bekommen“, so Brendel.
Für den Fahrermangel gibt es verschiedene Gründe. Nach Angaben von Spitzenverbänden sind neben der mangelhaften Anerkennung der Gesellschaft für den Beruf insbesondere hohe Führerscheinkosten (ca. 2.000 Euro) verantwortlich. Die zusätzlich zum Führerschein erforderliche gesetzlich vorgeschriebene Berufsfahrer-Qualifizierung trägt ebenfalls zu den Fahrerengpässen bei. Rund 5.000 Euro müssen angehende Fahrer für diese Prüfung aufbringen. Dagmar Wäscher betont: „So viel Geld hat keiner mal eben übrig, der für diese Berufsgruppe in Frage kommt“. Hinzu kommt, dass es mittlerweile nicht mehr ohne weiteres möglich ist, den Lkw-Führerschein in Deutschland während der Bundeswehr-Grundausbildung zu absolvieren. Wäscher fügt hinzu: „Dadurch fallen Tausende weg, die als Quereinsteiger in die Branche kommen könnten“. Führerschein und Qualifizierung für ausländische Fahrer werden hingegeben in der Regel in Lettland ausgestellt, wo die Kosten deutlich geringer sind. BGL-Chef Schmidt kritisiert zudem die Lohnpolitik zahlreicher deutscher Speditionen: „Für das wenige Geld, was da gezahlt wird, machen das die jungen Leute von heute nicht mehr.“
Dass ein Imagewandel des Berufs nötig ist, darüber sind sich Spitzenverbände einig. Brendel rät: „Speditionen sollten in die Schulen gehen, einen Tag der offenen Tür für Jugendliche veranstalten, Praktika anbieten. Zeigen, wie spannend der Beruf sein kann“. Gemeinsam müssten sämtliche Beteiligte aus Verbänden, Wirtschaft und Politik Lösungen erarbeiten. Brendel fordert: „Wir müssen uns an einen Tisch setzen und das Problem angehen“.
